ZEITSCHRIFT FÜR HETERODOXE — ZfH
ISSN: 1697-2074 Ausgabe 2003-II. Mai-August 2003
http://www.heterodoxos.org/2003-ii/creacion/ls.dediche.de.html
Gili el que lo lea

Tonto el que lo lea
LUCA SILVANI:
“Widmungen”
 
Unveröffentlichte Erzählung.
Originaltitel im Italienischen: Dediche.
Übersetzung ins Deutsche: Katharina Albrecht.
Tonto el que lo lea.

Es gab eine Zeit in der meine Nichte wild entschlossen ihrem Lieblingsschriftsteller überallhin verfolgte. Sie ging, ohne auch nur eine einzige zu versäumen, zu jeder Veranstaltung, zu allen Buchpräsentationen und jedes Mal brachte sie irgendeinen seiner Romane mit, damit er ihn für sie signiere. Der besagte Schriftsteller war schon in jenem Alter, in dem man schon so einiges erreicht hat. Und weil nichts auf dieser Welt unendlich ist, ganz im Gegensatz zum unbeugsamen Willen meiner Nichte, kam der Augenblick in dem sie alles, absolut sein ganzes Werk, signiert und mit Widmungen beschrieben, besaß. Als man die nächste Veranstaltung des Schriftsteller bekanntgab, als nichts mehr was sie hätte zum signieren mitnehmen können vorhanden war, entschied meine Nichte nach herzzerreißenden Weinkrämpfen und Ausbrüchen gezeichnet von Hoffnungslosigkeit, das Problem dadurch zu lösen, in dem sie selber den nächsten neu erscheinenden Roman ihres Vorbilds schreiben würde. Als sie ihm den Roman vorlegte, damit er ihn unterzeichnen könne, entstand zunächst ein Moment der Verblüffung und gegenseitigen Ungewissheit. Doch schließlig nahm der Schriftsteller seinen neuen von meiner Nichte verfassten Roman entgegen und signierte ihn liebevoll und er erlaubte sich sogar ein sanftes Streicheln deiner Wange, und wie hübsch du dabei geworden bist, meine Kleine. Der Roman war umgehend ein Publikumserfolg. Die internationale Kritik äußerte ihre Übereinstimmung hinsichtlich des neuen Romans mittels außergewöhnlicher Qualitätsniveaus und die öffentlichen Auftritte vermehrten sich. Meine Nichte, ganz eifrig, ging zu allen hin und erschien jeweils mit dem nächsten neu verfassten Roman des Autors unterm Arm. Und jeder einzelne von ihnen war laut der sozusagen unfehlbaren Literaturkritik noch besser, wenn das überhaupt noch möglich war, als der vorhergehende. Es folgten Ehrungen, man beeilte sich mit den Übersetzungen und es verbreitete sich das Erstaunen über so viel Schöpferkraft des Autors. Es kamen sogar der Preis des Prinzen von Asturien und der Preis vom Zirkel der Adligen aus Quito. So lagen also die Dinge. Aber eines guten Tages, Opfer innerer Zerissenheit, beichtete der Schriftsteller öffentlich: "Damen und Herren, wer in Wirklichkeit meine Romane schreibt, ist dieses junge Fräulein dort drüben." Aber was für ein Sinn für Humor, was macht dieser Mann bloß für Sachen, und alle lachten, spendeten Beifall und hatten ihren Spaß. Am Ende der Veranstaltung näherte sich meine Nichte schüchtern und mit zartem Lächeln dem Schriftsteller. Und sie nahm seinen neuesten Roman aus der Tasche, um ihn um eine Widmung zu bitten.
 

 
Tonto el que lo lea.

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Tonto el que lo lea.