ZEITSCHRIFT FÜR HETERODOXE — ZfH
ISSN: 1697-2074 Ausgabe 2003-III. September-Dezember 2003
http://www.heterodoxos.org/2003-iii/querido_lector.de.html
Gili el que lo lea

Tonto el que lo lea
LIEBER LESER:
“Wir sind nicht allein”
ετεροδοξος  | Helsinki / Madrid / Brno
 

Lieber Leser,
 

Herzlichen Glückwunsch. Gehen Sie auf die Straße und schreien Sie. Feiren Sie es. Wir sind nicht allein. Auch Sie können in die Luft gesprengt werden.
 

Lieber Leser des Westens: In den Monaten September bis Dezember unseres christlichen Kalenders soll sich die Ausgabe 2003-III der Zeitschrift für Heterodoxe, entwicklen. In dieser Zeit sollen die Glieder und das Leben von Hunderten oder Tausenden Menschen in die Luft gesprengt werden. Einschließlich die Glieder und das Leben Hunderter oder Tausender Menschen aus dem Westen. Vielleicht Sie, lieber Leser des Westens. Denn der Westen ist nicht mehr allein und auch er wird in die Luft gesprengt. Es ist an der Zeit zum feiren. Wir haben in den wenigen letzten Monaten soviel gelernt und endliclh können wir uns zufrieden zurücklehnen und lächeln: die Welt ist jetzt gerechter als früher.
 

Lieber westlicher Bürger, der jeden Morgen auf die Straße geht, herzlich willkommen in der Ungewißheit der Bombe. Gestatten Sie sich jeden Tag dafür zu bedanken, dass Sie mit Ihrem Leben und ohne abgeschnittene Glieder heimgekommen sind. Gestatten Sie sich jeden Tag zu genießen, an dem Sie Ihre Sprösslinge aufwachen sehen, ohne dass sie gebrannt in Napalm gestorben sind. Fühlen Sie sich in Kommunion mit den anderen Dreivierteln der Welt und lernen Sie, dass das Leben und die Beine, die Haut und die Kinder auf hundertfachen unverständliche Arten und Weisen verlorengehen können. Lernen Sie es und gehen Sie nach Hause, mit der Freude eines Schuljungen mit guten Noten in der Tasche. Denn Sie sind dabei zu begreifen, dass die Gleichheit von der Demokratie nicht zu trennen ist und dass die Ausbreitung der Demokratie gleichzeitig die Ausbreitung der Gleichheit bedeutet. Chancengleichheit bei der Ermördung während eines Luftangriffs. Chancengleichheit auf den Tod bei gezielten Totungen. Chancengleichheit auf die Ermordung bei einem Selbstmordattentat.
 

Die ernsteren Menschen des Planetten werden uns darum bitten, dass wir unsere Tote beweinen. Sie kämpften für das Gute, für die Ausbreitung des Guten und der Demokratie, und irgendjemand hat sie getötet. Kriminelle. Wir werden folgsam sein und bei den Gedenkkonzerten aufstehen und schweigen, wenn sie uns darum bitten, denn es langweilt uns mit ihnen zu spielen und wir wollen, dass das Spiel so schnell wie möglich vorüber ist. Aber in unserem Gesicht wird kein Schmerz zu sehen sein. Es wird ein intensives Lächeln geben, ein Lächeln stärker als bei einer neu erwachten Liebe. Und nach dem Schweigen werden wir vom Parkett springen und mit bunten Kehlen ein Inmemoriam aus Sprengstoff ausrufen. Wir werden vom Parkett springen und uns darüber freuen, mitplatzen zu dürfen. Und Sie kommen auch mit, lieber Leser, und Sie werden sehen, dass die Blumenstiele, die Ihnen die Kinder geben, voller neuer Kindergeheimnisse sind. Ihre Geheimnisse, lieber Leser. Ihrer Blickgeheimnisse.
 

Platzen Sie vor Freude, lieber Leser, wenn sie es so wollen. Und lieben Sie uns.
 

 
Tonto el que lo lea.

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